Oberpeinlich: Frau Recktenwald liegt auch beim Westwind voll daneben

Wie gestern (28.5.2018) berichtet, klagen derzeit zehn Familien aus aller Welt gegen die Europäische Union, da sie mit deren Klimapolitik nicht einverstanden sind. Von der Insel Langeoog ist die Hotelbetreiberin Maike Recktenwald als Klägerin mit dabei. In einem kürzlichen ZEIT-Interview stellte Recktenwald gewagte Thesen zu Regen- und Windtrends auf, die ihrer Meinung nach die Bedrohung durch den anthropogenen Klimawandel anzeigen. Konkret heißt es im Interview.

ZEIT ONLINE: Frau Recktenwald, warum beteiligen Sie sich an der Klage?

Maike Recktenwald: Wir nehmen den Klimawandel besonders wahr, weil wir hier mit der Natur leben. Wir wohnen hundert Meter vom Strand entfernt und der Meeresspiegel steigt. Auch wenn wir das noch nicht sehen können, so ist das doch eine langfristige Bedrohung für unser Dorf. Schon jetzt merken wir den Unterschied beim Wetter: Im vergangenen Winter hatten wir sehr viel Niederschlag und extrem viel Westwind. Normalerweise haben wir in den Wintermonaten Ostwind. Der Westwind drückte das Regenwasser in die deutsche Bucht hinein. Normalerweise leiten die Deichschleusen das Regenwasser über das Entwässerungssystem von der Insel ab. Dieses Mal aber war das System voll ausgelastet, beinahe ist das Regenwasser ungefiltert in die Süßwasserbrunnen gelaufen. Dann hätten wir auf der Insel keine Trinkwasserversorgung mehr gehabt. Das könnte man jetzt als Sonderfall abtun. Ich bin mir sicher: Es ist eine Folge des Klimawandels. Wenn der Meeresspiegel weiter steigt, ist die Entwässerung der ostfriesischen Inseln in hundert Jahren gar nicht mehr möglich. Dazu gibt es inzwischen Messungen.

Im gestrigen Faktencheck fiel ihre These zum angeblich außergewöhlich starken Winteregen bereits mit Pauken und Trompeten durch. Heute überprüfen wir ihre Behauptung zum angeblich außer Rand und Band geratenen Westwind. Die übergeordnete Frage: Wie gut kennt sich eigentlich die Klimaklägerin wirklich mit dem Thema Klimawandel aus?

Die Stärke der Westwinde in Europa ist eng an den Ozeanzyklus der Nordatlantischen Oszillation (NAO) gekoppelt. Die NAO entspricht dabei dem Druckunterschied zwischen Islandtief und Azorenhoch. Während der positiven Phase (NAO+) nimmt die Stärke der Westwinde zu, während der negativen Phase (NAO-) schwächen sich die Westwinde ab. Für Jedermann nachzulesen auf Wikipedia, welches eigentlich auch auf Langeoog freigeschaltet sein sollte:

Westerly winds blowing across the Atlantic bring moist air into Europe. In years when westerlies are strong, summers are cool, winters are mild and rain is frequent. If westerlies are suppressed, the temperature is more extreme in summer and winter leading to heat waves, deep freezes and reduced rainfall.[6][7] A permanent low-pressure system over Iceland (the Icelandic Low) and a permanent high-pressure system over the Azores (the Azores High) control the direction and strength of westerly winds into Europe. The relative strengths and positions of these systems vary from year to year and this variation is known as the NAO. A large difference in the pressure at the two stations (a high index year, denoted NAO+) leads to increased westerlies and, consequently, cool summers and mild and wet winters in Central Europe and its Atlantic facade. In contrast, if the index is low (NAO-), westerlies are suppressed, northern European areas suffer cold dry winters and storms track southwards toward the Mediterranean Sea. This brings increased storm activity and rainfall to southern Europe and North Africa.

Nun beschwert sich Frau Recktenwald, dass der Mensch bereits eine Verstärkung der Westwinde verschuldet habe. Sie ist sich da ganz sicher und glaubt fest daran. Aber Glaube ist bekanntlich eher etwas für die Kirche. In der Wissenschaft zählen Fakten und logische Zusammenhänge. Zunächst sollte ausgeschlossen werden, dass die starken Westwinde der letzte Jahre einfach eine Folge einer positiven NAO-Phase (NAO+) sein könnten. Glücklicherweise zeigt Wikipedia auf seiner NAO-Seite sogar die Entwicklung der NAO für die letzten 150 Jahre (Abb. 1):

Abb. 1: Entwicklung der Nordatlantischen Oszillation (NAO) während der letzten 150 Jahre. Orange zeigt positive, blaue negative NAO an. Quelle: Wikipedia. By Delorme. Originally created by Marsupilami ; updated with 2015-2017 data and produced with R code by Delorme [Public domain], via Wikimedia Commons

 

Schön zu erkennen: Die NAO bewegte sich in den letzten Jahren deutlich in der positiven Phase (NAO+). Und genau diese Konstellation bringt starke Westwinde und Regen. Interessant ist auch der Langzeittrend. Laut Langzeit-Rekonstruktionen der NAO befand sich der atlantische Ozeanzyklus auch während der Mittelalterlichen Wärmeperiode in einer stark positiven, westwindigen Phase (z.B. Trouet et al. 2009) (Abb. 2).

Abb. 2: NAO während der letzten 1000 Jahre. Rot=NAO+  und  blau=NAO-   Nach Trouet et al. 2009 von Co2Science

 

Frau Recktenwald ist auf einen natürlichen Zyklus hereingefallen. Offenbar hat sie keine oder schlechte klimawissenschaftliche Berater, dass ihr eine solche Panne in Deutschlands wichtigster Wochenzeitung passieren kann. Es gilt zu befürchten, dass die gesamte Klage der Klimalaien auf diesem dürftigen Niveau stattfindet. Mediale Aufmerksamkeit um jeden Preis? Da scheint es noch nicht einmal wichtig zu sein, ein fachlich solides Fundament für seine Forderungen mitzubringen. Die Aktivistenkasse scheint prall gefüllt zu sein. Die Medien berichten eifrig, ohne auch nur einen minimalen Faktencheck durchzuführen.

Im Prinzip ist dieser Fall auch für die deutschen Klimawissenschaftler ein Armutszeugnis. Die Experten hätten längst intervenieren müssen. Ist es ihnen völlig egal, wenn Laien in der Presse die Fakten komplett verdrehen und die Öffentlichkeit in die Irre führen? Eigentlich eine Frage der Berufsehre, dass man so etwas nicht unkorrigiert stehen lässt. Wir haben jedenfalls erst einmal genug von diesem Zauber und verabschieden uns wieder aus dem Klimaklagezirkus.